lifeline e.V. entsetzt über geplante Kürzungen im Sozialbereich – Schutz vulnerabler Gruppen gefährdet

Am 16.04.2026 wurde durch den Paritätischen Gesamtverband ein Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden enthüllt, in dem drastische Kürzungen im Sozialbereich vorgesehen sind. Von diesen Einschnitten wären vor allem Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen und Familien betroffen.

Zur umfangreichen Analyse des Paritätischen: https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/paritaetischer_drohender-kahlschlag-2026.pdf

Auch bei unbegleiteten minderjährigen und jungen volljährigen Geflüchteten sind Änderungen geplant, die mit dem Anspruch auf ein kind- / jugendgerechtes und menschenwürdiges Leben nicht vereinbar sind: Das Bundesland Sachsen schlägt vor, dass unbegleitete minderjährige Geflüchtete ab 16 Jahre in Erstaufnahmeeinrichtungen/ Gemeinschaftsunterkünften mit reduzierten Standards untergebracht werden. Ab 18 Jahren sollen sie in Unterkünfte für Erwachsene. Zusätzlich sollen ambulante Hilfen, z.B. Erziehungsbeistand in Form von Betreuer*innen, gekürzt werden.

Dies verkennt völlig die besonderen Bedarfe dieser jungen Menschen und ihren Anspruch, im Rahmen der Jugendhilfe kind- bzw. jugendgerecht untergebracht und unterstützt zu werden, bei Bedarf bis zum 21. Lebensjahr.
Die im Zuge der Standardabsenkungen ab 2022 bereitseingeläutete Zwei-Klassen-Jugendhilfe, in der unbegleitete minderjährige Jugendliche und junge Volljährige weniger Rechte und Ansprüche auf Hilfeleistungen und Unterbringung in jugendgerechter Umgebung haben, wird weiter verstärkt.

Sowohl die Kinderrechtskonvention als auch das SGB VIII sowie Kinderschutz an sich gelten für alle Minderjährigen und jungen Volljährigen!
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind eine besonders vulnerable Gruppe, deren Rechte durch derartige Einschnitte bei der Unterbringung und Hilfen zur Erziehung massivbeschnitten werden.

Schon jetzt erleben wir, dass vermehrt unbegleitete minderjährige Geflüchtete mit Eintritt der Volljährigkeit aus den Jugendhilfeeinrichtungen und entsprechenden Unterstützungsstrukturen entlassen und ohne Betreuung in die Gemeinschaftsunterkünfte verbracht werden.
Sollte es zu weiteren Kürzungen kommen, besteht eine enorme Gefahr für unbegleitete minderjährige und junge volljährige Geflüchtete, dass sie ‚im System untergehen‘ und keine altersgerechten und an ihre jeweiligen Umstände angepassten Unterstützungsmöglichkeiten bekommen. Vor allem die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften bereits ab dem 16. Lebensjahr überlässt diese Jugendlichen der behördlichen Willkür und verkennt den spezifischen (pädagogischen) Hilfebedarf.

Entsprechend lehnt lifeline die Pläne vollständig ab und fordert:
→ Keine Einsparungen auf Kosten von Kindern und Jugendlichen.
→ Keine Aushöhlung des Kinder- und Jugendhilfestärkungsgesetzes.
→ Aufnahme und Unterbringung von umG im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen Deutschlands.

Das Primat der Jugendhilfe muss bestehen bleiben!

Artikel im Schlepper – Magazin für Migration und Flüchtlingssolidarität in Schleswig-Holstein zu Herausforderungen der zuständigen Behörden für junge Geflüchtete

In der aktuellen Ausgabe des Magazin DER SCHLEPPER Nr. 113/ Frühling 2026 ist, neben vielen weiteren lesenswerten Artikeln, ein Artikel zur aktuellen Situation von unbegleiteten minderjährigen und jungen volljährigen Geflüchteten erschienen.

Die Möglichkeiten junger Geflüchteter, die unbegleitet minderjährig (umG) nach Deutschland eingereist sind, ihren Lebensweg nach der Flucht selbstbestimmt zu gestalten, werden von verschiedenen Herausforderungen geprägt. Dazu zählen Rechtslage und Verwaltungspraxis.

Im Artikel gehen Dorothee Paulsen und Jule Gräwe, Mitarbeiterinnen bei lifeline e.V., auf Bedeutung von Identitätsklärung und Problemstellungen in der Zusammenarbeit mit Behörden diesbezüglich, den besonderen Bedarf an Jugendhilfe für junge Volljährige und ie Umsetzung der GEAS Reform in Schleswig-Holstein ein.
Außerdem sind Auszüge eines gemeinsamen Postionspapiers zur Problematik und Handlungsbedarfen in Bezug auf unbegleite minderjährige Geflüchtete in Fluchtgemeinschaft abgedruckt.

Zum Artikel:

Zur Inhaltsangabe der Ausgabe: https://www.frsh.de/publikationen/magazin-der-schlepper-online/ausgabe/der-schlepper-nr-113
Zur Gesamtausgabe https://www.frsh.de/fileadmin/schlepper/schl_113/schlepper_113_gesamtdatei.pdf

Auch die Bedingungen zum Bezug des Magazins Der Schlepper verändern sich aktuell in dem Maß, wie es für eine zivilgesellschaftliche solidarische Gegenöffentlichkeit schwieriger wird, öffentliche und Drittmittelförderung zu bekommen. Daher kann das Magazin Der Schlepper künftig im Abonnement als ca. 100-seitige Publikation nur noch digital bezogen werden. Der Bezug von Print-Exemplaren älterer Ausgaben des seit 1997 erscheinenden Magazins ist weiterhin möglich.

Pressemitteilung: Besondere Bedarfe junger Geflüchteter in der Kinder- und Jugendhilfe zu wenig berücksichtigt

Kinderschutzbund und lifeline legen Workshopergebnisse vor

Im Rahmen des Projekts “Gemeinsam an Deck” hat lifeline Vormundschaftsverein im Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V. gemeinsam mit dem Kinderschutzbund Landesverband Schleswig-Holstein e.V. in zwei Workshops die Perspektiven junger geflüchteter Menschen näher betrachtet und diese in einer Pressemitteilung zusammengefasst.

Mehr zum Projekt “Gemeinsam an Deck”: https://www.lifeline-frsh.de/gemeinsam-an-deck/

Besonders problematisch sei die Praxis der frühzeitigen Hilfebeendigung: „Auch aus unserer ombudschaftlichen Beratung durch die ‚Vertrauenshilfe‘ wissen wir, dass Hilfen für junge Geflüchtete mit der Volljährigkeit häufig zügig und gegen ihren Willen beendet werden. Die Begründung liegt in ihrer vermeintlichen Selbstständigkeit – ohne dabei die besonderen Hürden des Spracherwerbs, der Integration und der emotionalen Belastungen angemessen zu berücksichtigen. Das ist fachlich nicht haltbar”, kritisiert Sophia Schiebe.

“Häufig wenden sich junge Geflüchtete an uns, wenn sie frühzeitig aus der Jugendhilfe entlassen werden. Ihre besonderen Bedarfe werden oft nicht als genuin pädagogische Hilfebedarfe gesehen. Die Verarbeitung der Fluchterfahrungen und Trennung von der Familie, die Identitätsfindung im Spannungsfeld zwischen der Kultur der Herkunftsfamilie und der Kultur der Aufnahmegesellschaft, die unsichere Bleibeperspektive und vieles mehr sind bedeutsam für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung und sollten in Hilfeplangesprächen und Angeboten der Jugendhilfe auch bei Übergang in die Volljährigkeit mehr einbezogen werden“, so Dorothee Paulsen, Projektleiterin bei lifeline.”

Anpassung als Integrationsstrategie

Die Aussagen der teilnehmenden jungen Geflüchteten zeichnen ein klares Bild: Lerne Deutsch jeden Tag in der Schule. Mache deine Hausaufgaben gut und halt die Regeln ein, dann wird alles besser‘ ist ein Rat, den die Teilnehmenden jungen Geflüchteten geben würden, die gerade nach Deutschland gekommen sind. Der empfundene Druck zur Anpassung zeigt sich auch in Hinblick auf Hilfegewährung. Aussagen wie ‚Muss ich sagen, kann kochen, kann sauber machen, kann mit Geld umgehen, aber kann ich nicht‘, fallen, wenn es in den Übergang in sozialpädagogisch betreutes Wohnen – also eine größere Selbstständigkeit – geht.

„Diese Zitate müssen uns aufhorchen lassen”, so Sophia Schiebe. „Die jungen Menschen haben den Eindruck, dass sie vor allem funktionieren, die Sprache beherrschen und nicht auffallen dürfen. Gleichzeitig mangelt es grundlegend an dem, was Kinder- und Jugendhilfe eigentlich ausmachen sollte: echte Beteiligung und Mitsprache. Nur zwei von neun Teilnehmenden gaben an, dass ihre Meinung gehört wurde und von Bedeutung war. Niemand fühlte sich über die eigenen Rechte und Möglichkeiten ausreichend informiert“, so Sophia Schiebe.

Aus Sicht des Kinderschutzbundes und von lifeline unterstreichen diese Hinweise die zentrale Bedeutung von Beteiligung und Transparenz im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe.

Zur vollständigen Presseerklärung:

Offener Brief: Über 1.000 Unterzeichnende warnen vor Abbau der demokratischen Infrastruktur durch Mittelkürzungen

Anlässlich angekündigter Kürzungen in der Demokratieförderung hat sich lifeline gemeinsam mit über 1.000 Organisationen und Persönlichkeiten mit einem offenen Brief an Bundesfamilienministerin Karin Prien gewendet.

Die Unterzeichnenden des vom Verein „Zukunft Demokratie“ initiierten Briefs warnen eindringlich vor einem vorschnellen Umbau des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und machen deutlich, dass Kürzungen und strukturellen Einschnitte der falsche Schritt sind: Sie spielen rechtsextremen Kampagnen in die Hände und stärken jene Kräfte, die demokratische Strukturen gezielt angreifen.

Darin heißt es:

Über diese geplante Neuausrichtung sind wir ernsthaft besorgt, denn damit drohen etablierte Strukturen und über Jahre aufgebaute Expertise, die im Kampf gegen Extremismus, Antisemitismus, Rassismus und Radikalisierung sowie zur Demokratieförderung dringend erforderlich sind, offen in Frage gestellt zu werden. Der drohende Verlust dieser wertvollen Ressourcen ist nicht nur bedenklich – er ist alarmierend.

Wir fordern daher gemeinsam, vom radikalen Umbau von “Demokratie leben!” in der laufenden Förderperiode Abstand zu nehmen. Dieser würde einseitig zulasten zivilgesellschaftlicher Expertise gehen und damit die Wirksamkeit der gesamten bürgerschaftlichen Extremismusprävention und Demokratiearbeit destabilisieren. Wir dürfen den Feinden der Demokratie diesen Gefallen nicht tun!

Zum vollständigen offenen Brief:

Offener Brief von 188 Organisationen an Unionsparteien und EVP: Keine Zusammenarbeit mit der extremen Rechten im Europaparlament

In einem Offenen Brief an die Vorsitzenden von CDU, CSU und der EVP-Fraktion hat lifeline gemeinsam mit 187 Organisationen die Unionsparteien und die Europäische Volkspartei dazuaufgefordert, jede Zusammenarbeit mit der extremen Rechten im Europäischen Parlament auszuschließen.

Anlass sind Berichte über eine enge inhaltliche Abstimmung der EVP mit Abgeordneten rechtsextremer Fraktionen im Innenausschuss des Europäischen Parlaments zur geplanten neuen Rückführungsverordnung. Die Unterzeichner*innen werten dies als Bruch mit der von EVP, CDU und CSU wiederholt betonten Abgrenzung gegenüber der extremen Rechten. In dem Brief heißt es:

„Wir erinnern eindringlich an Ihre eigenen Versprechen: Wahren Sie demokratische Grundsätze – Europa zuliebe und mit Blick auf die innenpolitischen Herausforderungen.“

Die Organisationen betonen, dass eine Zusammenarbeit mit rechtsextremen Kräften die Grundwerte der Europäischen Union gefährdet: Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit. Zugleich kritisieren sie den vorliegenden Entwurf der Rückführungsverordnung als menschenrechtlich inakzeptabel. Besonders schwer wiegen aus ihrer Sicht die vorgesehenen Abschiebungszentren außerhalb der Europäischen Union, auch für Familien mit Kindern, sowie die geplante Ausweitung der Abschiebehaft.

Wir fordern:

  • die Abgrenzung zur extremen Rechten auch im europäischen Kontext klar und verbindlich sicherzustellen,
  • den vorliegenden Entwurf der Rückführungsverordnung in seiner jetzigen Form nicht weiterzuverfolgen und
  • sich für eine Asyl- und Migrationspolitik einzusetzen, die rechtsstaatlichen und menschenrechtlichen Standards konsequent verpflichtet bleibt

Zum vollständigen offenen Brief: